Margrit Schaller und Elena Wilhelm 

Über Ausstellungen, Bücher, Filme und Theater

Filmvestival Locarno. Ciao Carlo - auf Wiedersehen in Berlin

12.08.2018

Wie jedes Jahr waren wir eine Woche in Locarno und haben einige unglaublich beeindruckende, gute Filme gesehen. Vor allem die Programmierung der Schweizer Film-Kritiker/-innen und -Journalist/-innen in der «Semaine de la critique» war einmal mehr überragend. Und wie schön, dass diese Filme jetzt im La Sala zu sehen sind, wo man nicht mehr eine Stunde in der Hitze anstehen muss, um dann keinen Platz mehr zu erhalten.

Also: # FEMALE PLEASURE von Barbara Miller. Portraits von fünf Frauen aus allen Kulturen der Welt, die alle für das gleiche kämpfen (müssen), und vor allem gegen das gleiche. Gegen Frauenhass, Unterdrückung, Reduktion der Frauen auf Sexualobjekte und Mutterdasein. Gezeigt werden die Entwicklung und Aktivitäten einer New Yorker Jüdin, die sich aus den Zwängen der Orthodoxie befreit, eine Deutsche, die sich als junge Frau berufen fühlt Nonne zu werden und dann von einem hohen Würdenträger (der das heute noch ist) vergewaltigt wurde, eine Somalierin, die sich gegen die brutale Genitalbeschneidung der Mädchen in ihrer Heimat stark macht, eine junge Inderin, die aktiviert gegen dir noch immer sehr lückenhafte strafrechtliche Verfolgung von Vergewaltigern und schliesslich eine japanische Künstlerin, die mit Abdrücken ihrer Vulva als Kunstobjekt protestiert und dafür verhaftet wurde. Der Film lehrt uns eindrücklich, wie Welt- Kultur- und Religionsumspannend die Frauenunterdrückung noch immer ist. Wir kamen wütend aus dem Kino.

DAY OF MADNESS aus Rumänien. Zwei psychisch kranke Menschen dokumentieren ihren Weg in die Genesung und den Kampf gegen die Übermedikation. Sie filmen sich selber und sprechen direkt mit uns – eine sehr faszinierende Methode um Menschen ganz nahe zu begleiten auf ihrem Weg.

WOMEN WITH GUNPOWDER EARRINGS aus dem Iran. Eine unglaublich mutige Journalistin spricht mit Familien, Müttern und Kindern in den vom IS-Terror befreiten Dörfern in Syrien und in Lagern, wo diese sehr rudimentär aufgenommen sind. So nahe hat man Kriegsgeschehen noch kaum miterlebt (in den Nachrichten werden solche Szenen nie gezeigt) und die Gespräche sind auch zwiespältig: Nicht alle der Frauen distanzieren sich vom IS, manche versuchen krampfhaft, deren «Auftrag» zu rechtfertigen. Vor allem sind es die Kinder und deren Leid und Not, die extrem sichtbar sind. Der Film entlässt einem mit Tränen und Grauen.

Und dann das «Panorama swiss» mit grossartigen Dok’s: CHRIS THE SWISS und GENESIS 2.0 – unbedingt im Kino anschauen, beide starten im Herbst! Auch das Flüchtingsdrama LA FORTUNA ist sehenswert, wenn auch in einer nicht unproblematischen Auslegung von Nächstenliebe.

Unserer Favoriten der Wettbewerbsfilme: RAY & LIZ, ein Unterschichtsdrama aus England, SIBEL, die Geschichte einer wunderbar starken, stummen jungen Frau aus der tiefsten türkischen Bergprovinz. Über den einzigen CH-Film im Wettbewerb, GLAUBENBERG, von einer erotische-inzestuösen Geschwisterliebe, waren unsere Meinungen geteilt, Elena fand ihn nachvollziehbar und stimmig, Margrit manieriert…

And the winner is: A LAND IMAGINED, von Yeo Siew Hua aus Singapur. Wir haben den Film vom chinesischen Wanderarbeiter in ausbeuterischen Verhältnissen auf Riesenbaustellen gesehen und fanden ihn vor allem spannend, geheimnisvoll, eigenwillig. Unser Favorit war er nicht, aber die Jury ist immer gut für Überraschungen.

Und ja, der neue Film von Bettina Oberli (Herbstzeitlosen): LE VENT TOURNE – schön und halt sehr brav.

Und dann noch die Histoires du cinéma: MANCHESTER BY THE SEA von Kenneth Lonergan. Was für ein grossartiges, unvergessliches Kino.

Einen hervorragenden Filmblog mit viel mehr (und professionaller) Filmkritik hat übrigens Michael Sennhauser:  https://sennhausersfilmblog.ch/

 

 

 

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Kontakt

Elena Wilhelm
Prof. Dr. phil., EMBA UZH, dipl. Sozialarbeiterin

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