Texte über Ungleichheit und Soziale Arbeit  

Entwicklung ökonomischer Ungleichheit in der Schweiz

Mit Mischa Croci-Maspoli

Ursachen und Auswirkungen der ökonomischen Ungleichheit gehören zu den wichtigsten Themen unserer Gesellschaft. Die Reduktion der Ungleichheit ist eines der «Sustainable Development Goals» der UN. Angeregt durch die Studien von Thomas Piketty wird in dieser Studie die ökonomische Ungleichheit in der Schweiz von 1981 bis 2014 untersucht. Dabei wird auf die Diskussion von Ungleichheit bei Einkommen und Vermögen fokussiert. Die Vermögensungleichheit wurde bisher in der Forschung kaum berücksichtigt und ist erst in jüngerer Zeit in den Fokus des Interesses gerückt. Als allgemeine theoretische und empirische Grundlagen dienen die Arbeiten von Thomas Piketty sowie die Ungleichheitsforschung in der und über die Schweiz. Als Datengrundlage werden Steuerdaten, sowie Daten des Global Wealth Databook und der Weltbank verwendet. Zur methodischen Kontrolle werden drei verschiedene Ungleichheitsmasse verwendet: Der Gini-Index, der Hoover-Index und die Palma Ratio. Die Resultate zeigen, dass die Ungleichheit von Einkommen und Vermögen in der Schweiz während den letzten zwanzig Jahren zugenommen hat, wobei sowohl die Ungleichheit wie auch die Zunahme bei den Vermögen deutlich stärker ausgeprägt ist als bei den Einkommen. Das Vermögen gewinnt im Vergleich zum Einkommen an Gewicht und ist ein entscheidender Faktor für die ökonomische Ungleichheit. Immer wieder gleichgesetzt wird die Armuts- und die Ungleichheitsfrage. Es geht in der Frage nach der ökonomischen Ungleichheit in der Schweiz jedoch nicht primär um Armuts- und Überlebensfragen, sondern um mögliche Implikationen der ökonomischen Ungleichheit auf politischer, gesellschaftlicher und sozialer Ebene. Starke ökonomische Ungleichheit kann demokratische Prinzipien gefährden und zu politischer, ökonomischer und sozialer Instabilität führen. Diese Implikationen hängen nicht davon ab, wie vermögend eine Gesellschaft als Ganzes ist, sondern wie der Wohlstand innerhalb einer Gesellschaft verteilt ist («relative Ungleichheit»). Über die eigenen Erkenntnisse hinaus wurde deutlich, dass es in der Schweiz mehr Ungleichheitsforschung auf der Basis von Mikrodaten braucht. Empirisch differenzierter zu eruieren sind vor allem auch die Auswirkungen der Pensionsguthaben auf die Ungleichheit und für die internationale Komparatistik wird vorgeschlagen, die Differenz von Gini-Einkommen und Gini-Vermögen zu berechnen.

Abschlussarbeit im Rahmen des Executive Master of Business Administration an der Universität Zürich. Dezember 2018.

Soziale Arbeit im Strafvollzug Russlands

Mit Cornelia Rüegger, Joel Gautschi, Sigrid Schilling und Olga Kurenkova

   

1997 beschloss das Justizministerium Russlands die Einführung einer Ausbildung von Sozialarbeitenden für die 846’000 Häftlinge in den russischen Gefängnissen. An der russischen Hochschule «Institut für Recht und Ökonomie» in Volodga (VIPE) wird die Professionalisierung der Sozialen Arbeit im russischen Strafvollzug durch Forschung, Entwicklung und Ausbildung von Sozialarbeitenden für den Bereich des Strafvollzugs vorangetrieben. In den letzten zwei Jahrzehnten hat der Strafvollzug in Russland zwar grosse Veränderungen erfahren. Die professionelle, systematische und methodisch geleitete Unterstützung durch die Soziale Arbeit zur Re-Integration der Gefangenen ist jedoch nach wie vor randständig. Daraus entwickelten sich das Bedürfnis und die Erwartung unserer russischen Kooperationspartnerin nach der Etablierung einer individualisierenden und die Lebenslage klärenden Sozialen Arbeit in den russischen Gefängnissen, wofür sie unsere Hochschule um Mithilfe bat. 

  

Erschienen in: Sozial Aktuell, 2009, Heft 11, S. 38-40.

Reflexivität und Soziale Arbeit

Mit Cornelia Rüegger

   

Es geht nicht um eine Reflexion des Subjektes über sich selbst. Die Reflexivität geht weit über die gelebte Erfahrung des Subjektes hinaus und umfasst die organisatorische und kognitive Struktur der ganzen Profession. Der Sozialarbeiter hat nur dann die Möglichkeit, den gesellschaftlichen Bedingungen, deren Produkt er ist, zu entgehen, wenn er sich mit der Erkenntnis der auf der Profession und ihm selber lastenden gesellschaftlichen Determinierungen ausrüstet und die Zwänge und die Begrenzungen reflektiert, die an die eigene Stellung gebunden sind. Es muss gelingen, eine solche Reflexivität in der Profession zu institutionalisieren und in der Einstellung der Professionellen zu habitualisieren. Um einen reflexiven professionellen Habitus als modus operandi dieser Reflexivität zu entwickeln, müssen in der Ausbildung Verfahren und Methoden der Sozioanalyse (verstanden als Anamnesearbeit an der Profession und an sich selbst) deutlich stärker gewichtet werden. Die Antwort auf die Frage, wie das Handeln in der Sozialen Arbeit trotz möglichen Strukturzwängen gelingender zu gestalten ist, liegt folglich in der Reflexivität als (inkorporierte) Methode und Bestandteil des professionellen Habitus.

  

Erschienen in: Sozialarbeit in Österreich. Zeitschrift für Soziale Arbeit, Bildung & Politik, 2009, Heft 1, S. 8-11.

Forschungslandschaft Soziale Arbeit Schweiz

Mit Myriam Rutschmann

   

Vor sieben Jahren wurde resümiert, dass in der Schweiz wenig in der Sozialen Arbeit geforscht werde und das Profil dieser Forschung unscharf sei. Aus hochschul- und bildungspolitischen Gründen hatten sich zudem zwei Konzepte von Forschung an Universitäten und Fachhochschulen herausgebildet, die gegeneinander ausgespielt wurden. Wie sieht die Situation heute aus? Eine Übersicht über die Entwicklung der Forschungslandschaft in der Schweiz unter besonderer Berücksichtigung der Frage der Integration von Forschung und Bildung.

  

Erschienen in: Sozial Extra, Zeitschrift für Soziale Arbeit, 2008, Heft 1 und 2, S. 11-13.

Vom «Scientist-Practioner» zum «Information Scientist»?

Mit Esther Forrer Kasteel und Anne Parpan Blaser

   

Evidence-based social work befasst sich mit der Frage nach einer guten bzw. besseren und vor allem wirkungsvolleren Praxis der Sozialen Arbeit. Diese Frage ist alt. Wie steht es mit der Antwort? Die Antwort der Protagonistinnen ist, dass der Rekurs im Handeln auf Theorie unzulänglich sei und sich das Handeln indes auf die Ergebnisse empirischer Wirkungsforschung abstützen müsse. Diese würden vorzugsweise durch randomisierte Kontrollstudien gewonnen und sollten in Manualen und Leitlinien gebündelt abgerufen werden können. Evidence-based social work kann insofern als eine – hinsichtlich dem deutschsprachigen professionalisierungstheoretischen Diskurs – konkurrierende Neuauflage der Frage betrachtet werden, welches Wissen die Soziale Arbeit braucht, um wirksam zu sein. Das Modell hat viel Zustimmung und Kritik evoziert. In der kritischen Auseinandersetzung mit evidence-based social work geht es unter anderem um die Frage nach der Legitimität und Nützlichkeit verschiedener Wissensformen sowie der Art und Weise der Wissensverwendung. In diese Debatte mischen wir uns ein – unter besonderer Berücksichtigung der Frage, was die von uns generierten Erkenntnisse für die Ausbildung in der Sozialen Arbeit bedeuten.

  

Erschienen in:  Peter Sommerfeld & Matthias Hüttemann (Hg.) (2007). Evidenzbasierte Soziale Arbeit. Nutzung von Forschung in der Praxis. Schneider Verlag Hohengehren: Baltmannsweiler, S. 148-171.

Ungleichheit durch Sozialpolitik und Soziale Arbeit

Mit Daniel Gredig

   

Auftrag und Selbstverständnis der Sozialen Arbeit, auf die soziale Integration bzw. Inklusion und die (Wieder-)Herstellung der Subjektivität ihrer Klientel hinzuwirken, verbürgen allerdings nicht, dass die institutionellen Regelungen und beruflichen Praxen in der Tat eine Hilfe zur Integration darstellen und Herstellung von Subjektivität ermöglichen. Weil die Gewährung sozialpolitischer Leistungen systematisch an das Vorliegen von Anspruchsvoraussetzungen geknüpft ist (und Leistungsstrukturen das Ergebnis machtstrukturierter Auseinandersetzungen sind), können institutionelle Regeln stets auch Personen vom Bezug von Leistungen ausschliessen. 

  

Erschienen in: Micha Brumlik & Hans Merkens (Hg.) (2007). Bildung, Macht, Gesellschaft. Opladen, S. 243-258.

Kehrseiten der Sozialen Arbeit

Mit Daniel Gredig

   

Es müssen neue Perspektiven für die Sozialpolitik und Handlungsoptionen für die eigene Praxis entwickelt werden, die nicht zur Verschärfung oder Perpetuierung von sozialer Ungleichheit beitragen.

  

Erschienen in: Sozial Aktuell, 2006, Heft 11, S. 17-18.

Abschied von der grossen Erzählung

   

Eine Disziplin ist zunächst ein Prinzip der Einschränkung, ein Kontrollprinzip der Produktion von Diskursen und erlaubt Konstruktionen im Hinblick auf einen bestimmten Gegenstand mit einem spezifischen Fokus nach bestimmten Spielregeln. Man kann und soll diese selbstverständlich auch kritisieren, in den Effekten reflektieren und sich undiszipliniert geben. Eine Disziplin ist aber auch eine soziale Struktur, die nicht nur begrenzt, sondern Diskurse und Differenzierung erst ermöglicht. Sinnstiftung kann nur diskursiv erfolgen. 

  

Erschienen in: Schweizerische Zeitschrift für Soziale Arbeit, 2006, Heft 21, S. 37-46.

Rationalisierung der Jugendfürsorge

   

«In ihrer kritisch angelegten und theoretisch fundierten Studie zur Entstehungsgeschichte der modernen Jugendfürsorge leistet Elena Wilhelm einen wichtigen Beitrag zur aktuellen Debatte über das Aufgaben- und Selbstverständnis der Sozialen Arbeit. Auf der Basis von reichhaltigem Fallmaterial (auf Compactdisc der Publikation beigelegt) wird in einer theoretisch angeleiteten Analyse dargelegt, wie in den ersten Jahrzehnten des 20.Jahrhunderts eine am Dispositiv der «Verwahrlosung» orientierte und sich dadurch konstituierende Praxis der Jugendfürsorge entsteht. Auf dem Wege über die Rationalisierung der Kinder- und Jugendfürsorge bildeten sich neue Steuerungsformen des Sozialen heraus, die mit dem Foucault'schen Begriff der gouvernementalité gefasst werden können. In den neuen Fürsorgepraktiken zeigt sich nach Wilhelm nicht das Verschwinden einer bestimmten Machtform (Sozialdisziplinierung), wie dies andere neuere Untersuchungen darlegen wollten, sondern deren Transformation in eine andere.»

    

«Die Arbeit von Elena Wilhelm stellt die Historiographie der Sozialpädagogik und die systematische Theoriebildung in dieser vor eine erkenntnistheoretisch wie inhaltlich neue Situation. Die Sozialpädagogik wird sich an ihrer Untersuchung abarbeiten müssen, möglicherweise mit noch gar nicht absehbaren, radikalen Konsequenzen für die eigene Theorie.» (Michael Winkler)

  

«Die Arbeit markiert in vielerlei Hinsicht einen neuen Stand im Prozess der Reflexion und Klärung der sozialpädagogischen Aufgabe; sie lässt vergleichbare vorausgegangene Bemühungen sowohl in der Differenziertheit der Argumentation wie auch in der Reichweite der eröffneten Perspektiven weit hinter sich.» (Walter Hornstein)

  

Erschienen 2005 beim Haupt Verlag Bern / Stuttgart / Wien. (Das Buch ist vergriffen).

«Degeneriert», «verwahrlost», «moralisch defekt»

   

Das vorliegende Dokument präsentiert eine Auswahl von Jugendfürsorgefällen, eine Anthologie von Existenzen, die sich über den Zugriff der rationellen Jugendfürsorge in die Geschichte eingeschrieben haben. Die administrativen Einrichtungen haben untersucht, inspiziert, beobachtet, registriert, verhört, begutachtet, geklagt und all diese Tätigkeiten haben sich in einer unüberschaubaren Masse von Dokumenten niedergeschlagen, die das wachsende Gedächtnis des gewöhnlichen Lebens bilden. Für dieses Leben entstand im ausgehenden 19. Jahrhundert eine neue Regie, die den Menschen das Gesicht der Liederlichkeit, der Verwahrlosung, der Verkommenheit, des moralischen Defektes und der Lasterhaftigkeit zuteilte. Hinter den Etikettierungen der Nachbarinnen und Hausmeister, der Pfarrer und Lehrer, der Verwandten und der administrativen und rechtlichen Organe, die – wie eine Inspektionsgehülfin erklärt – meistens übertrieben, unverhältnismässig, ungerecht und manchmal unwahr gewesen waren, stehen Menschen, die gelebt haben und gestorben sind, Menschen, die gelitten haben, die wütig waren, hasserfüllt, eifersüchtig, verletzlich, arm, traurig, verzweifelt, überfordert, hilflos, liebenswürdig und leidenschaftlich. Die Texte sind ein Stück in der Dramaturgie ihrer Wirklichkeit. In den Texten werden ihre Leben verwaltet und verhandelt: das Leben des brutalen, rohen, arbeitsscheuen und heuchlerischen Heinrich, der lasterhaften und lügnerischen Rosmarie, der frechen und verdorbenen Elisabeth, das Leben des psychopathischen, eitlen, abenteuerlichen und refraktären Arne, des geisteskranken und unverbesserlichen Toni, der entgleisten, liederlichen, unzüchtigen Ilse, des aufgeblasenen, arroganten, renommiersüchtigen aber erziehungsfähigen Walter, das Leben der trotzigen und leichtsinnigen Linda und dasjenige der willigen, intelligenten aber zum Lügen abgerichteten und gefährdeten Anna.

  

Erschienen als Beilage zur Publikation «Rationalisierung der Jugendfürsorge» (siehe oben). (Das Buch ist vergriffen).

Soziale Arbeit und Gesellschaftspolitik

   

An der Tagung «Soziale Arbeit hat Zukunft», die im Jahr 2000 veranstaltet wurde, hat Roland Merten die Frage aufgeworfen, ob die Soziale Arbeit ein politisches Mandat habe oder nicht. Er selbst hat diese Frage mit «Nein» beantwortet, was im Anschluss zu einer heftigen Debatte geführt hat. Unabhängig von dieser teilweise ideologisch und berufspolitisch geführten Debatte, steht die historisch-empirische Tatsache, dass die Soziale Arbeit, ob sie es will oder nicht, ob es ihr bewusst ist oder nicht, in hohem Masse in gesellschaftspolitische Vorgänge verstrickt ist. Zwei gängige Thesen der sozialpädagogischen Geschichtsschreibung sind an dieser Stelle zu revidieren. 

  

Erschienen in: Integras (Hg.) (2005). Soziale GmbH. Auslegeordnung in der sozial- und heilpädagogischen Arbeit. Zürich, S. 49-53.

Soziale Arbeit unter der Bedingung von Ambivalenz, Ungewissheit und Komplexität

   

Geschichte stösst nicht immer auf Interesse. Das erstaunt nicht, da uns die Gegenwart ständig konkretes Handeln und Entscheidungen abverlangt, für die, so scheint es zumindest, die Beschäftigung mit Geschichte kaum etwas zu bieten hat. Geschichte vermag uns tatsächlich keine Handlungsanweisungen zu geben. Die Beschäftigung mit Geschichte lässt aber verstehbar werden, weshalb sich die Gegenwart in der gegebenen Form darstellt. Geschichte schreiben und erzählen ist ein Akt, in dem wir die Zeiterfahrung auf aktuelle Orientierungsbedürfnisse hin beziehen können. Geschichte und Geschichten ermöglichen eine Distanzierung und die Aufklärung über unser eigenes Tun. Zu einer kritischen Erzählung wird eine solche Annäherung an Geschichte dadurch, dass mit ihr die Selbstverständlichkeit gegenwärtiger Diskurse und Praktiken gebrochen werden kann und die sie stützenden Normen hinterfragbar werden. Damit aber wird eine wichtige Voraussetzung für die Entwicklung alternativer Denk- und Handlungsmöglichkeiten in der Gegenwart geschaffen. 

  

Erschienen in: Integras (Hg.) (2005). Soziale GmbH. Auslegeordnung in der sozial- und heilpädagogischen Arbeit. Zürich, S. 15-21. 

Zum Wandel des Selbstverständnisses in der Sozialen Arbeit

   

Während in der Praxis der Sozialen Arbeit seit geraumer Zeit Modelle in einer eigenartigen Gemengenlage aus bürokratischer und neoliberaler Organisationslogik im Chargon des Management vorgetragen und umgesetzt werden, hat im Theoriediskurs die Dienstleistungstheorie Sozialer Arbeit Konjunktur, die ebenfalls einer neoliberalen Logik unterliegt. Diese Modelle in Theorie und Praxis ignorieren dabei aber die erschwerende Handlungs- und Organisationslogik der Sozialen Arbeit, die ihren Ausgangspunkt in ihren Ursprüngen Ende des 19. Jahrhunderts hat und die mit neoliberalen Modellen nicht überwunden werden kann. Nicht nur historisch, sondern auch empirisch und professionalisierungstheoretisch betrachtet, muss die Professionalisierung der Sozialen Arbeit im Grunde genommen als gescheitert betrachtet werden. Die dieses Feld nach wie vor strukturierende bürokratische Logik und die zunehmende Marktlogik stehen im Gegensatz zur Logik professionalisierten Handelns. Die spezifischen Leistungen von Professionen lassen sich nämlich weder administrativ noch durch den Markt kontrollieren. Sie erfordern eine kollegiale, auf die Verinnerlichung professionsethischer Ideale angewiesene Selbstkontrolle. 

  

Erschienen in: Integras (Hg.) (2005). Soziale GmbH. Auslegeordnung in der sozial- und heilpädagogischen Arbeit. Zürich, S. 33-39.

Pathologie der Moderne oder antimoderne Jugendfürsorgepraxis

   

Die Ergebnisse der historischen Jugendfürsorgeforschung scheinen sich zu widersprechen. Ist die Jugendfürsorge zu Beginn des 20. Jahrhunderts angetreten, um die Unterschichten im Hinblick auf bürgerliche Verhaltensweisen zu disziplinieren? Waren ihre Adressaten und Adressatinnen passiv leidende Opfer? Oder waren ihre Objekte kämpferische Subjekte, die ihrerseits die Fürsorgeeinrichtungen kolonialisierten und disziplinierten und die Jugendfürsorge zum Umdenken zwangen? War es dieses Widerstandspotenzial der Betroffenen, das die Jugendfürsorge Ende der 20er Jahre in eine Krise trieb? Oder steuerte sie sich selbst mit ihrem konservativen, antimodernen Charakter in den Untergang? Oder war es die in ihr von Beginn an angelegte Ambivalenz, die in ihr angelegte Janusköpfigkeit der Moderne, die sie scheitern liess? Wie sinnvoll ist es überhaupt, die Geschichtsschreibung der Jugendfürsorge auf die Krise der Weimarer Republik anzulegen? Die Ausführungen resümieren und diskutieren den Forschungsstand auf der Grundlage einer eigenen Untersuchung zur Geschichte der Jugendfürsorge in der Schweiz. Dabei erweist sich die Frontstellung der Thesen als unfruchtbar, da sie eine differenzierte Analytik der Transformationen der Jugendfürsorge in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts behindert.

  
Erschienen in: Neue Praxis, 2004, Heft 5, S. 425-443. Peer Reviewed.

Forschung in der Sozialen Arbeit

Mit Daniel Gredig

   

Vor dem Hintergrund der vielfach hervorgehobenen Bedeutung empirischer Forschung für die Entwicklung der Disziplin und für das professionelle Handeln war zu erwarten, dass die Auseinandersetzung mit Forschung im Rahmen der Ausbildung von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, aber auch von Professionellen der Sozialen Arbeit an Breite gewinnen und entsprechend Lehrmittel, Einführungsbände und Sammelbände über die Forschung auf dem Buchmarkt erscheinen würden. Die aktuelle Häufung von Neuerscheinungen, die sich mit forschungsmethodologischen und -methodischen Fragen befassen, erstaunt deshalb nicht. Doch: Wo steht nun der wissenschaftliche Diskurs über die Forschung in der Sozialen Arbeit nach dem Erscheinen der vier besprochenen Bücher?

  

 Erschienen in: Zeitschrift für Pädagogik, 2004, Heft 1, S. 770-778. Peer Reviewed.

Soziale Arbeit im Justizvollzug

Mit Margrit Schaller

   

Die Ausführungen plausibilisieren, dass es nicht ausreicht, sich Gesprächsführungsmethoden und therapeutische Konzepte anzueignen. Professionskompetenz in der Sozialen Arbeit beinhaltet einen breiten Korpus erfahrungswissenschaftlichen Wissens, das unabdingbar ist, um den Fall in seinen Bedeutungshorizonten zu analysieren, zu verstehen und eine Handlung zu begründen und sie setzt einen breiten Korpus an methodischen Fertigkeiten voraus, um den sozialarbeiterischen Prozess zu gestalten. Eine Reduktion auf die Aneignung dieser methodischen Kompetenzen, wie Locher dies vorschlägt, kann der Komplexität der Arbeit nicht gerecht werden. Die Sozialarbeiterinnen müssen unter den Bedingungen von Unsicherheit und von den stets unvollständigen Daten eines Falls auf eine angemessene Bearbeitungsweise schliessen. Die Angemessenheit einer Massnahme (und darin spiegelt sich letztlich die Qualität des Handelns) ist eine komplexe Relationierungsaufgabe zwischen den Gesetzesgrundlagen, den Falldaten, den vielfältigen Lösungsmöglichkeiten und den vorhandenen und zu erschliessenden Ressourcen. In diesen Ermessensoperationen setzen die Sozialarbeiter/-innen Kriterien der Fachlichkeit, der Rechtmässigkeit und der Wirtschaftlichkeit in ein Verhältnis und gewichten sie mit Blick auf mögliche Folgen der getroffenen Entscheidung. In diesem Sinne ist die Arbeit der Fallverantwortlichen des Justiz- und Massnahmenvollzugs nichts anderes als ein spezifisches Feld einer zeitgemäss verstandenen Sozialen Arbeit.

  

 Erschienen in: BVD-aktuell, 2004, Heft 49, S. 1-6

Die Herausbildung neuer Steuerungsformen des Sozialen

   

Die sozialpädagogischen und sozialarbeiterischen Theoriebildungsversuche erweisen sich auf der Grundlage der historischen Selbstvergewisserung als allzu idealistische Konzipierungsversuche. Die Schilderung der Sozialpädagogik als Vermittlung von Mündigkeit und Zurechnungsfähigkeit, die Definition der Sozialarbeit als Wahrung der Menschenrechte oder als Hilfe zur Lebensbewältigung beschreiben den sozialpädagogischen Traum und die sozialarbeiterische Utopie. Wir brauchen eine Theoretisierung des Feldes und das heißt: wir brauchen Begriffe, mit denen die Komplexität und Vieldeutigkeit der Bearbeitung der «Mischzone des Sozialen» erfasst werden kann. Die aktuellen Abgrenzungsbemühungen zwischen Sozialarbeit und Sozialpädagogik erschweren dabei die Rekonstruktion der Logik des Feldes. Wenn Martin Graf die nicht begründete und utopische Vorstellung hegt, die Sozialpädagogik könne sich über eine Loslösung von der Sozialarbeit gegenüber sozialstaatlichen Vereinnahmungen abgrenzen,  wenn Sozialarbeitswissenschaftler/-innen ihrerseits glauben, sich über eine Loslösung von der Sozialpädagogik von disziplinierenden und individualisierenden Strategien befreien zu können,  dann werden damit die Probleme der Sozialen Arbeit zugespitzt und unlösbar gemacht.  Die Abgrenzungsbemühungen verhindern die Rekonstruktion der für die Soziale Arbeit konstitutiven Verschränkung von sozialpädagogischen und sozialarbeiterischen Traditionslinien.

  

Erschienen in:  Andresen, Sabine/Tröhler, Daniel (Hrsg.) (2002) Gesellschaftlicher Wandel und Pädagogik. Studien zur historischen Sozialpädagogik. Verlag Pestalozzianum, Zürich, S. 38-51. Peer Reviewed.

Kristallisationspunkte für eine Theorie der Sozialen Arbeit

   

Ich stimme mit dem Projekt Sozialarbeitswissenschaft darin überein, dass mit einer ausschliesslich erziehungswissenschaftlichen Verortung der Sozialen Arbeit die Rationalität dieses Feldes nicht erfasst werden kann. Ich teile das Ansinnen und den Wunsch der Sozialarbeitswissenschaftler/-innen, die Soziale Arbeit als Wissenschaft voranzutreiben. Mit der wissenschaftstheoretisch problematischen Abgrenzung von der Sozialpädagogik sowie der mangelhaften Differenzierung zwischen Disziplin und Profession, beraubt sich die Sozialarbeitswissenschaft jedoch selbst eines Teils ihrer wissenschaftlichen Grundlegung sowie ihrer universitären Verankerung. 

  

Erschienen in: Zeitschrift Forschung & Wissenschaft Soziale Arbeit. 2002, 3. Jahrgang, Heft 1, 17-30. 

Forschung als Rückgrat von Disziplin und Profession

Mit Daniel Gredig

   

Eine getrennte Entwicklung von Sozialarbeitsforschung und sozialpädagogischer Forschung hätte aber wohl auch auf anderer Ebene Konsequenzen. Tragen die Forschungstraditionen unterschiedliche Namen und laufen die Trennlinien zwischen ihnen den Grenzen von Ausbildungsstätten entlang, ist die Tendenz zu gewärtigen, dass den Studierenden dieser Ausbildungsstätten vor allem die Erkenntnisse aus den Forschungstraditionen vermittelt werden, die ihrem Ausbildungsort zugeordnet sind. Es ist damit zu befürchten, dass Erkenntnisse aus der jeweils anderen Tradition weniger Beachtung finden und sich die Absolventen und Absolventinnen auf Wissensbestände und Debatten konzentrieren, die unter dem Etikett des eigenen Studienabschlusses laufen. Angesichts von zwei Disziplinen an zwei Orten ist die Gefahr nicht von der Hand zu weisen, dass sich die Professionellen der Sozialpädagogik und der Sozialarbeit je in ihrer Welt abschliessen und ihr professionelles Wissen aus den unterschiedlichen Quellen der gleichnamigen Forschung und Theoriebildung speisen werden. Es scheint angemessen, zu diesem Zeitpunkt einen Marschhalt und eine Denkpause einzufordern. Eine Trennung von sozialpädagogischer Forschung und Sozialarbeitsforschung entlang der in den besprochenen Bänden hervorgetretenen Linien dürfte für die Entwicklung der Disziplin wenig vorteilhaft und mit Blick auf die Profession, mit der die Disziplin korrespondiert, verheerend sein. 

  

Erschienen in: Zeitschrift für Pädagogik, 2001, Heft 5, S. 693-702. Peer Reviewed.

Sozialpädagogik und Geschichte

Mit Daniel Gredig

   

So verstanden lassen wir uns gerne als (glückliche) Institutionspositivisten bezeichnen, die weder furchtlos und unerschrocken auf dem Baugerüst der Theoriebildung gleich die ganze Welt verändern wollen, noch unerfahren und weltfremd auf dem Diwan im Wohnzimmer zurückgezogen über Klassiker sinnieren, sondern der mühsamen und kleinlichen Arbeit in den Archiven und Bibliotheken nachgehen und mit der Rekonstruktion von Geschichte(n) eine neue Erfahrung mit der Gegenwart ermöglichen. Eine solche Geschichtsschreibung ver¬mag allemal die Grenzen des wissenschaftlichen Diskurses überschreiten. Sie wird politisch und praktisch, indem sie Kämpfe – auch individuelle und lokale Kämpfe – aufdeckt, ernst nimmt und so Anknüpfungspunkte für praktikable Formen des Widerstands bietet. 

   

Erschienen in: Neue Pestalozzi Blätter. Zeitschrift für pädagogische Historiographie, 2000, S. 32–37. Peer Reviewed.

Sozialarbeit: eine Disziplin ohne konsolidierte Forschungskultur?

   

Ob sich die Forschung nun in die hier gewiesene Richtung entwickeln wird, kann nicht vorweggenommen werden. In der Schweiz wäre damit aber das Verschwinden einer kritisch-reflexiven, theoretisch und methodologisch ausgewiesenen Grundlagenforschung in der Sozialarbeit zu befürchten. Tatsächlich können aber keine ernsthaften Gründe genannt werden, die Forschung in der Sozialpädagogik auf Praxisforschung oder auf die Absonderlichkeit einer Fachhochschulforschung (allenfalls wäre von Forschung an Fachhochschulen zu sprechen) zu begrenzen. 

   

Erschienen in: Sozial Aktuell, 2000, Heft 3, S. 27–37.

Professionalität

Mit Agnès Fritze und Daniel Gredig

   

Die sozialpädagogische bzw. sozialarbeiterische Professionalisierungsdebatte qualitativ zu wenden, von ideologischen und normativen Modernisierungsversuchen zu befreien und zu einer empirisch fundierten Abstützung der Argumentation überführen zu wollen, ist ein Vorhaben, das für die weitere Professionsdebatte in der Sozialen Arbeit von Vorteil wäre. Darin ist Thole und Küster-Schapfel ohne Vorbehalt beizupflichten. Um so erstaunlicher ist es dann, dass die Autoren dem Publikum ausgerechnet zu diesen Fragen die ungereimten Ergebnisse von Forschungsprojekten vorlegen, die von Studierenden im Rahmen von Übungen bearbeitet wurden und nun als Fragment präsentiert werden. Professionalität – so will es scheinen – erweist sich mithin als eine Herausforderung für Berufspraxis und Forschung zugleich.

   

Erschienen in: Zeitschrift Forschung & Wissenschaft Soziale Arbeit, 2000, Heft 2, S. 25-35.

Wissenschaftlich begründete Selbstevaluation

Mit Dorothea Eich

   

Die Notwendigkeit der Bewertung und Beurteilung von Programmen und Projekten der Sozialen Arbeit scheint in Phasen wirtschaftlicher Rezession aktueller denn je. Was einst noch Aufgabe der Evaluationsforschung war, wurde vor ein paar Jahren der Verantwortung des New Public Management und dem Controlling übergeben. Die sich abzeichnende Tendenz der Überlagerung eines traditionsreichen Ansatzes der Sozialen Arbeit durch ökonomische Problemdefinitions- und -bearbeitungsstrategien muss kritisch analysiert und reflektiert werden. Ziel des vorliegenden Beitrags ist die Weiterentwicklung des eigenen Instrumentariums, mit dem die spezifischen Problemstellungen innerhalb der Praxis der Sozialen Arbeit bearbeitet werden können. Es geht um die Entwicklung eines Werkzeugs, das es ermöglicht, die Praxis der Sozialen Arbeit zu beschreiben, zu verstehen, zu bewerten und zu verbessern. Dabei rücken wir gegenüber der politökonomisch-problemsteuernden Logik eine wissenschaftlich-problemrekonstruierende Sichtweise in den Vordergrund. 

   

Erschienen in: Sozialarbeit, 1997, Heft 3, S. 8–17.

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Elena Wilhelm
Prof. Dr. phil., 
Executive MBA UZH, dipl. Sozialarbeiterin

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