Texte zu Hochschulentwicklung und Hochschulforschung 

Die Pädagogische Hochschule: eine empiriefreie Kritik, eine theorielose Utopie und ein paar Anregungen für ihre Zukunft

Seit Lehrerinnen und Lehrer in öffentlichen Bildungsinstitutionen ausgebildet werden, sind verschiedene Fragen ihrer Ausbildung immer wieder kritisch diskutiert worden. In Talkshows und Medien wird mitunter der Eindruck vermittelt, dass die Lehrerbildung wie auch die Schulen vor allem aus Defiziten bestehen. Konstitutiv für den heutigen Diskurs ist, dass nicht nur unterschiedliche Strukturen der Lehrerinnen- und Lehrerbildung auf dem Prüfstand stehen. Es geht vielmehr um ganz unterschiedliche Vorstellungen dessen, was denn in der heutigen Zeit die Aufgabe einer Lehrerin und eines Dozenten überhaupt noch sein könne und es geht um die Frage, welche Implikationen das für die Pädagogische Hochschule hat. Ich beleuchte eine fundamentale Kritik und eine Utopie – sowohl der Volksschule als auch der Hochschule – und spitze sie zu in der Kritik «Lehren ohne Lernen» und der Utopie «Lernen ohne Lehren». Basierend darauf formuliere ich im Anschluss zehn Anregungen für die künftige Entwicklung der Pädagogischen Hochschule.

Plenumsreferat anlässlich der Tagung «Pädagogische Hochschulen in ihrer Entwicklung. Hochschulkulturen im Spannungsfeld von Wissenschaftsorientierung und Berufsbezug». Zürich, 15.11.2019. 

Wissenschaft und Demokratie

In seinem Leitartikel «Haltet den Dieb! Er ist ein Intellektueller» konstatiert Roman Bucheli das Schwinden des Vertrauens in Bildung und Wissenschaft, einen verbreiteten Argwohn gegenüber Wissenschafterinnen und Wissenschaftern und als Kollateralschaden wissenschaftlichen Betrugs einen Reputationsverlust selbst noch der seriösesten Forscher.

Gastkommentar in der NZZ vom 11.09.2019, S. 9.

Aufklärung und Wissenschaft in der Krise?

Der Glaube an die Wissenschaft scheint derzeit zu erodieren und die Kulturpessimisten sehen das Ende der Aufklärung, der Wissenschaft und der westlichen Gesellschaft nahen. Die Prognose der kulturpessimistischen Philosophen und Autoren wie beispielsweise des französischen Philosophen Michel Houellebecq, des slowenischen Kulturkritikers Slavoj Žižek oder des deutsch-koreanischen Philosophen Byung-Chul Han sind düster. Sie prophezeien die Rückkehr der Religionen und damit das nahe Ende Europas. Die Aufklärung, die Wissenschaften hätten falsche Versprechen gemacht und keinen Werteersatz für die Religionen geboten. Sie hätten komplett versagt. «Der Laizismus, der Rationalismus und die Aufklärung, deren Grundprinzip die Abkehr vom Glauben ist, haben keine Zukunft.» (Houellebecq 2015a). Die Kulturpessimisten sehen ein neues Mittelalter aufziehen, in dem religiöse und patriarchale Werte die Gesellschaften prägen werden. Das moderne Europa verschwinde, die Wissenschaften würden irrelevant. Torkelt die Moderne, das Abendland tatsächlich seinem Ende entgegen? Steht Europa kurz vor dem Kollaps?

In: Zeitschrift für Wissenschaftsmanagement, 2019, Heft 1; S. 157-164.

The University as an Open Platform? A Critique of Agility

The agile organisation is a concept in a whole series of supposedly new organisational
concepts of recent decades. The demand for agility in the organisational context is
based on the assumption that the environment develops increasingly disruptively and
that organisations must adapt agilely to these disruptive developments. However, the
theory of disruptive development is fraught with problems, and, thus, the theoretical
and empirical basis of justification for agile organisation is rather weak. The article
discusses the dilemmas of agile universities in the form of nine theses. Agility does
not solve the main problem of the lack of innovation. Agility, as defined by the majority,
is a form of passivity towards the environment, yet it is not only about adaptation,
but also about active transformation. We do not need more agility, but rather more
innovation. The concluding remarks set out in four points what remains of agility for
the university.

In: Beiträge zur Hochschulforschung, 2019, 41. Jg., H. 3, S. 66-79. 

Dialektik der Hochschulautonomie

Mit Christian Wassmer und Carole Probst

      

Strukturelle Veränderungen in der Umwelt von Organisationen und damit einhergehende institutionelle Erwartungen, die an diese gestellt werden, führen zu einer Anpassung von Strukturen, Abläufen, Handlungen und Instrumenten in den Organisationen selbst – sowohl aus Gründen der Legitimitätserhöhung gegenüber der Umwelt, als auch aus Gründen der strategischen Positionierung innerhalb der Umwelt.

   

In: Das Hochschulwesen. Forum für Hochschulforschung, -praxis und-politik, 2018, Jahrgang. 66, Heft 1&2, S. 5-12.

Differentiation of the Scientific System

Mit Christian Wassmer und Carole Probst

   

It is assumed that changes in the environment of higher education institutions (HEIs), such as growth and differentiation of the higher education system, as well as the autonomy gain of HEI from politics, lead to reactions of the HEIs themselves, such as the professionalization of management and the introduction of standardized performance measurements. The article aims to theoretically locate the implementation of two instruments developed by the Zurich University of Applied Sciences (ZHAW) for both accountability and strategic and qualitative control. The reactions of the HEI are considered by means of the neo-institutionalist approach, extended with help from theory of structuration. This coupling makes it possible to conceive different responses of the HEIs both as conformist behavior towards the institutional expectations addressed to them, and as a strategic and interest-oriented response to changed expectations in their environment.

   

Präsentiert an der CHER-Konferenz 2017 in Jyväskylä am 28. August 2017.

Wozu Qualitätskultur?

   

Das Konzept Qualitätskultur wurde ursprünglich als Gegenbewegung zu einem technizistischen Verständnis von Qualitätssicherung eingeführt. Heute wird unter Qualitätskultur eine operationalisierbare und messbare Dimension verstanden. Das führt zu noch mehr Vermessungen. Ich plädiere zusammen Lee Harvey und Bjørn Stensacker dafür, Qualitätskultur als eine Einladung zur kontextabhängigen, kontroversen Diskussion und Reflexion unter  Peers aufzufassen und nicht als ein «Set von Erzeugungsprozeduren». 

   

In: Qualität in der Wissenschaft, 2017, 11. Jahrgang, Heft 1, S. 2-9. Peer Reviewed.

Wozu braucht eine Hochschule eine Strategie?

   

Was kann und soll eine Strategie an einer Hochschule bewirken? Sie kann und soll eine Bewegung ermöglichen, sie kann eine – zumindest zum Zeitpunkt ihrer Entwicklung – als sinnvoll und wünschenswerte Richtung des Suchens aufzeigen. Erst eine Strategie ermöglicht, sich anders als nur reaktiv zu verhalten. Sie kann zum Nachdenken anregen und sie kann Fragen aufwerfen. Sie kann zum fach- und disziplinübergreifenden Diskurs ermuntern. Sie kann Stellung beziehen zu spezifischen Fragen und Problemen unserer Welt. Sie kann eine gewisse Kohärenz im Verständnis von Bildung und Forschung herstellen. Sie kann Kraft und Orientierung verleihen. Sie kann zum Dialog, zur Lebendigkeit und zur Zukunftsfähigkeit einer Hochschule beitragen.

   

Referat an der ZHAW anlässlich des Auftakts zum Ringseminar «Europa verstehen – Europa mitgestalten» vom  21. März 2017.

Kritik als Praxis

   

Die Wissenschaft kennt professionseigene Modi der Qualitätsbewertung und -kontrolle – wie den «organisierten Skeptizismus» (Merton 1942), die «kollegiale Kontrolle» (Goode 1957) oder die «wissenschaftliche Reflexivität» (Bourdieu 1993) – welche sie konsequent und ernsthaft anwenden, weiterentwickeln und nach aussen hin sichtbar machen sollte. Selbstkontrolle und kollegiale Kontrolle unterliegen gewissen Bedingungen. Es bedarf einer spezifischen Haltung und eines wissenschaftsadäquaten Begriffs von Kritik, welche keine Wahrheitsposition beansprucht, sondern selber zur Gestaltungspraxis wird. 

  

In: AQ Austria (Hg.) (2014). Qualitätssicherung zwischen Diversifizierung der Hochschulen und Vereinheitlichung von Standards. Beiträge zur 2. AQ Austria Jahrestagung. Wien: facultas.wuv, S. 103-123. Peer reviewed.

Der Wissenschaft Mores lehren?

   

Die grösste Gefahr für die Objektivität in jedem beliebigen Kontext geht wohl nicht von bösen Individuen aus, die täuschen, fälschen und betrügen.  Wir müssen den Institutionen mehr Aufmerksamkeit schenken, die sowohl Max Weber wie auch die Wissenschaftstheoretiker/innen nach ihm nur marginal thematisierten. Wir brauchen eine institutionelle Wende im Diskurs um Objektivität. Die ethische Verantwortung der Institutionen der Wissenschaft für das, was sie weshalb erforschen oder eben auch nicht erforschen sowie für die möglichen Anwendungen und Folgen ihrer Forschung lässt sich nicht seriös abweisen, auch wenn viele das wissenschaftsinterne Ethos der Objektivität und Freiheit als Argument gegen eine wissenschaftsexterne Ethik als Ausrede missbrauchen. 

   

Referat an der ZHAW anlässlich der Tagung «Persönlichkeitsbildung – Werte, Werte erhalten, Wertewandel gestalten» vom 19. Mai 2015.

Forschungsbasierte Entwicklung von Studiengängen

Mit Esther Forrer Kasteel

   

Der Entwicklungsprozess war weit mehr als eine Studiengangentwicklung. Es mussten neue Führungs- und Kommunikationsinstrumente entwickelt werden. Lehre und Forschung wurden strategiebasiert verbunden. Es ging um die Herstellung einer lernenden Organisation und einer neuen Lehr- und Lernkultur, einer kooperativen Hochschulkultur, welche ein Klima des Vertrauens schafft. Der Prozess hat zur Selbstvergewisserung beigetragen. Zu einer Art der Selbstreflexivität, die im Sinne Bourdieus kein individuelles Unterfangen, sondern ein kollektives Unternehmen ist.

  

In: Ludwig Huber, Arne Pilniok, Rolf Sethe, Birgit Szczyrba & Michael Vogel (Hg.) (2014). Forschendes Lehren im eigenen Fach. Scholarship of Teaching and Learning in Beispielen. Bielefeld: W. Bertelsmann Verlag GmbH & Co, S. 257-278. Peer reviewed.

Entwicklung der Forschung durch Peer Review

   

Evaluation von Forschung an Fachhochschulen ist unabdingbar für ihre weitere Professionalisierung. Die Selbstvergewisserung durch Evaluation dient nicht nur der Reflexion und der gezielten Steuerung der Forschung, sondern auch der Aufmerksamkeitssteigerung ihr gegenüber. Im Beitrag wird ein Evaluationsmodell von Forschung an Fachhochschulen sowie dessen Umsetzung dargelegt und diskutiert. Es werden der Entstehungsprozess und die konzeptionelle Grundlegung skizziert, die Implementation und Durchführung geschildert, die wichtigsten Ergebnisse dargelegt und abschliessend wird diskutiert, welches die Chancen, Erfolgsfaktoren und möglichen Schwierigkeiten der gewählten Evaluationsform sind. 

  

In: Zeitschrift Forschung. Politik - Strategie - Management, 2013, 6. Jahrgang, Heft 1+2, S. 12-18. Peer reviewed.

Konzept Peer Review Forschung und Entwicklung

Mit Gabriela Christen

   

Die Hochschule Luzern hat unter meiner Leitung ein Konzept für ein Peer Review Verfahren der Forschung und Entwicklung erarbeitet. Die Peer Review diente der Hochschule Luzern der strategiebasierten Beurteilung der Forschung und Entwicklung, unterstützte die Departemente bei ihrer Erfolgskontrolle sowie der strategiebasierten Umsetzung und Weiterentwicklung des Pofils.

Kompetenzprofil als Kernstück der Entwicklung von Studiengängen

Mit Esther Forrer Kasteel, Sonja Markwalder und Anne Parpan-Blaser

   

In der Diskussion um die Schaffung eines europakompatiblen Bildungssystems ist der Frage nach der Mobilität hohe Aufmerksamkeit geschenkt worden, während die Kompetenzorientierung weniger im Zentrum der Diskussionen stand. Diese stellt allerdings den eigentlichen Paradigmenwechsel in der Hochschulbildung dar: Von der Orientierung auf die von den Dozierenden zu lehrenden Inhalte (Inputorientierung), hin zu einer Orientierung auf die von den Studierenden zu entwickelnden Kompetenzen (Outcomeorientierung). Es erscheint deshalb sinnvoll, diesen Aspekt der Bildungsreform genauer in den Blick zu nehmen und die Frage aufzuwerfen, welche Konsequenzen die Kompetenzorientierung für die Studiengangsentwicklung und die Ausbildung hat. 

  

In: neue praxis, 2008, Heft 2, S. 213-229. Peer reviewed.

Professionally oriented Higher Education in Europe

Mit Esther Forrer Kasteel

   

The Balama (Bachelor of the Labour Market) project – a project in the framework of the SOCRATES program - is put together by 8 associations of higher education institutions in Europe: Germany, Ireland, Austria, Danmark, Finland, Netherlands, Estonia, Switzerland. The aim is to focus on the issue of employability in the first cycle. On the one hand, the participants like to make an inventory in each country of the way professionally oriented higher education programmes in the first cycle are described in terms of competences. On the other hand, they would like to study how in each country it is organised that employers have an input on these competences and on curriculum development. The results of these studies will be compiled and shared elements will be highlighted. Good practices and lessons learned will be exchanged. Some subject areas will be used as an example. With this report, the rector’s conference of the universities of applied sciences wants to describe the situation in Switzerland.

Forschendes Lernen am Fall

Mit Irene Somm

   

Im Zentrum unseres Beitrags steht die kritische Diskussion von Rekonstruktionen erziehungswissenschaftlicher Fälle und von Analysen pädagogischer Fallgeschichten. Wir entwickeln ein Konzept des Forschenden Lernens am Fall als Voraussetzung einer neuen Lernkultur. Wir verstehen dabei Forschung auch als einen Modus des Lernens, in dem die reine Vermittlung von Wissen zu Gunsten der eigenen Wissenserzeugung in den Hintergrund gerückt wird. Das Konzept des Forschenden Lernens am Fall nimmt einerseits in einer Kunstlehre der Fallrekonstruktion und andererseits in einer Kunstlehre der Fallanalyse Gestalt an. 

  

In: Erwin Beck, Titus Guldimann, & Michael Zutavern (Hg.) (1997). Lernkultur im Wandel. St. Gallen, S. 335–368. Peer reviewed.

Andersartig aber gleichwertig

Mit Daniel Gredig

   

Kehren wir zu unserer Ausgangsfrage zurück, ob die Forschung Motor der Fachhochschulentwicklung sein könne, so dürfen wir nun antworten: Unter Berücksichtigung der dargelegten Bedingungen der Integration von Forschung und Lehre im Konzept des Forschenden Lernens, dem damit einhergehenden unbedingt beizubehaltenden Praxisbezug der Ausbildung sowie der dadurch bedingten curricularen Neuorientierungen, der Ausrichtung auf eine praxisorientierte Forschung, ohne die Distanz zur Handlungspraxis damit einbüssen zu müssen, der Kooperation und dem Austausch mit unserer Disziplin an der Universität sowie der sauberen Trennung zwischen Forschungs- und Beratungstätigkeit, muss die Implementation von Forschung als eine für die inhaltliche Entwicklung der Fachhochschulen gewinnbringende Dimension betrachtet werden.

  

In: Sozialarbeit, 1997, Heft 19, S. 14–25.

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Kontakt

Elena Wilhelm
Prof. Dr. phil., 
Executive MBA UZH, dipl. Sozialarbeiterin

Alte Spinnerei 2

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